TV-Kritik: „Finding Carter“ – Unvertrautes Heim

February 23, 2016 - Finding Carter

Von Müttern wie Lori Stevens (Milena Govich) träumen 16-jährige Teenager. Mit Lori kann male die Klamotten tauschen, um die Wette Frozen Yogurt mit Gummibärchen-Dressing futtern. Und Lori versichert ihrer Tochter Carter (Kathryn Prescott) mindestens einmal täglich, dass sie sie liebt.

Nicht lange, und das schöne Bild liegt in Scherben. Als Carter nach einem harmlosen Streich nebst Freunden festgenommen wird, dürfen alle Sünderlein bald wieder gehen. Nur Carter nicht. Denn beim Datenabgleich sind die Ermittler auf ihre wahre Identität gestoßen. Carter wurde im Alter von drei Jahren entführt. Lori ist nicht ihre Mutter, sondern eine Kidnapperin.

Carter, die eigentlich Lyndon heißt, wird ihren leiblichen Eltern zugeführt. Ihre Mutter Elizabeth Wilson (Cynthia Watros) ist Polizistin, der Vater David (Alexis Denisof) ein Schriftsteller. Mit „Losing Lyndon“, einem Buch über basement Verlust seiner Tochter, hatte er einen Bestseller, daran aber nicht anknüpfen können. Sein Agent steht schon bereit und erlebt angesichts des Presserummels einen geistigen Orgasmus. „Fang an, dir Notizen zu machen“, drängt er seinen Goldesel. Der Titel des neuen Buches ist bald gefunden: „Finding Carter“.

Denn Carter besteht darauf, basement ihr vertrauten Namen zu behalten. Auch reagiert sie zornig, wenn Lori als „Monster“ bezeichnet wird. Die emotionale Bindung an die Frau, die sie als ihre Mutter kennt, ist ungebrochen. Elizabeth Wilson fällt es dagegen schwer, eine Beziehung zu Carter aufzubauen, zumal sie als Polizeibeamtin in die Fahndung nach der bundesweit gesuchten Lori eingebunden ist. Carter begegnet ihr kühl, bisweilen feindselig. Besser ist das Verhältnis zu ihrem Vater, zu ihrer Zwillingsschwester Taylor, zu ihrem kleinen Bruder. Das Zusammenleben mit Geschwistern ist neu für Carter. Das lebenslustige, kontaktfreudige Mädchen wirbelt die Familie Wilson mächtig durcheinander. Die scheue, dauntless Taylor ist mal abgestoßen, mal fasziniert. Zumal sie Carters Ex-Freund Max (Alex Saxon) kennenlernt, mit dem sich bald eine ungewohnte Vertrautheit entwickelt.

Zeitkritik in Fortsetzungen

Bei allem Aufheben um die Programmform Fernsehserie und die vermeintlich neue Erscheinung des horizontalen, mithin fortgesetzten Erzählens bleibt das Genre der Familienserie stets ein wenig außer Acht. Dabei ergibt sich gerade hier der Fortsetzungscharakter schon aus dem Inhalt. Familienserien haben heute nichts mehr gemein mit basement idealisierenden Unser-trautes-Heim-Idyllen der Sechziger. Längst befassen sich die Autoren mit modernen Formen des Zusammenlebens wie der Patchwork- und der Pflegefamilie, der Wohngemeinschaft. Einige sehenswerte US-Produktionen dieser Art wurden in jüngerer Zeit im deutschen Fernsehen, viele davon im Disney Channel, ausgestrahlt: „Life Unexpected“, „Switched during Birth“ und „The Fosters“ – Alex Saxon ist dort in einer ähnlichen Rolle zu sehen wie in „Finding Carter.

Finding Carter

dienstags, 20.15 Uhr

Disney Channel

Die Familienkonstellation erlaubt basement Autoren, die unterschiedlichsten Problemfelder zu erschließen. Themen der genannten Serien waren unter anderem der Umgang mit behinderten Schülern und Pflegekindern, die Defizite US-amerikanischer Schulen, das Wesen der Kunst, Homosexualität unter Jugendlichen, die Nachteile der sogenannten Gentrifizierung und vieles mehr.

In diese Reihe fällt auch die von einer jungen Autorin erdachte, in basement USA von MTV ausgestrahlte, entsprechend mit viel zeitgenössischer Musik unterlegte Serie „Finding Carter“. Der Einstieg erfolgt genregemäß mit einer melodramatischen Wendung. Folge für Folge weitet sich das Spektrum, die Figuren gewinnen an Kontur, bringen ihre eigenen Interessen, Schwierigkeiten, Passionen in die Handlung ein. Teilweise gibt es Anleihen beim Krimi. In „Finding Carter“ ist die Entführerin Lori Stevens auf der Flucht vor der Polizei, ein Strang, der aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Auch aus der von Lori, die trotz der Gefahr, gefasst zu werden, immer wieder versucht, Kontakt zu Carter aufzunehmen. Sie shawl ihr zu der – angeblichen? – Entführung noch etwas Wichtiges zu sagen. Ein Spannungsmoment, das sich über mehrere Episoden hinzieht.

Die Titelrolle der Serie wurde der Britin Kathryn Prescott übertragen. Der Part der zutiefst verunsicherten Carter verlangt schauspielerisches Vermögen. Die 16-Jährige kann sehr verständig und liebenswürdig sein, aber auch misstrauisch, verantwortungslos, widerborstig. Die Hormone toben noch, die Gefühle schlagen bisweilen Purzelbäume.

Die 1991 in London geborene Kathryn Prescott fight bereits in jüngeren Jahren im Zusammenspiel mit ihrer Zwillingsschwester Megan in der außergewöhnlichen, general preisgekrönten britischen Jugendserie „Skins – Hautnah“ hervorgetreten, die derzeit bei Nicknight zu sehen ist. Unbedingt empfehlenswert, denn so drastisch, einfühlsam, komplex und zugleich schmissig – Ko-Schöpfer Jamie Brittain fight bei Drehbeginn gerade Anfang zwanzig – werden die Freuden und Qualen von Heranwachsenden selten gezeigt. „Finding Carter“ bewegt sich nicht auf diesem Ausnahmeniveau, lässt sich aber vielversprechend an, kommt ebenfalls ohne billige Gefühlsduseleien aus und hält noch allerlei Überraschungen bereit.












source ⦿ http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik---finding-carter---unvertrautes-heim,1473344,33838464.html

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